Medizin zwischen Himmel und Erde

Bis zu 53.000 Patienten nutzen am Frankfurter Airport jedes Jahr die größte Flughafenklinik der Welt

Das Einzugsgebiet dieser Klinik ist groß. Und dennoch lässt es sich mit wenigen Worten beschreiben: Es ist die ganze Welt. Die medizinischen Dienste des Frankfurter Airports sind mit ihren mehr als 100 Beschäftigten für nahezu jedes medizinische Problem gewappnet und damit weltweit die größte Einrichtung ihrer Art an einem Flughafen. Einer, der dort schon fast alles erlebt hat, ist Dr. Walter Gaber.

„Es ist eine andere Welt hier am Flughafen. Man kann sie mögen oder es bleiben lassen. Und ich mag sie.“ Derjenige, der das sagt, muss es wissen: Als 20 Jahre alter Medizinstudent kam Walter Gaber 1977 an das schon damals größte deutsche Luftverkehrsdrehkreuz, um sich als angehender Arzt die ein oder andere D-Mark neben der Uni dazu zu verdienen. Beinahe 40 Jahre später ist Gaber immer noch am Flughafen – und leitet seit 1996 dessen hauseigene Klinik. Die „andere“ Welt hat ihn nicht mehr losgelassen.

Von der Behandlungskabine bis zur Quarantänestation


Potenzielle Patienten haben er und sein Team viel mehr als jede andere medizinische Einrichtung des Landes: Nahezu 60 Millionen Passagiere im Jahr aus allen Ländern dieser Welt, dazu rund 78.000 Flughafenmitarbeiter aus beinahe ebenso vielen Nationen und unzählige, in Theorie und Übung vielfach durchgespielte Katastrophenszenarien stellen sie vor ganz besondere logistische und fachliche Herausforderungen. An 365 Tagen im Jahr stehen die Türen und Tore der Notfallambulanz und des Rettungsdienstes für alle gesundheitlichen Probleme offen, die sich zwischen Himmel und Erde ergeben. Zwei Notfallmediziner, 14 externe Fachärzte und über 80 Rettungsdienstmitarbeiter sichern gemeinsam mit einem Team von zehn Krankenschwestern und Arzthelferinnen rund um die Uhr die Versorgung der Patienten am Flughafen. Zurückgreifen können sie dabei auf eine komplette Klinikinfrastruktur, die von der einfachen Behandlungskabine über Röntgen-, Intensiv- und OP-Räume bis hin zu einer Quarantäne-Station reicht.

Seuchenabwehr in behördlichem Auftrag


„Wenn irgendjemand auf der Welt hustet, sind wir am internationalen Drehkreuz Frankfurt mit etwas zeitlicher Verzögerung immer auch betroffen“, spricht Flughafen-Chefmediziner Walter Gaber aus mehreren Jahrzehnten Airport-Erfahrung. Milzbrand, Vogelgrippe, SARS – nur wenige Stichworte muss er in den Raum werfen, um deutlich zu machen, was er damit meint. Jederzeit kann ein international eng verflochtener Großflughafen wie der Frankfurter zur ersten „Eintrittspforte“ für hoch ansteckende Infektionskrankheiten werden. Entsprechend wachsam müssen Gaber und seine Kollegen sein und arbeiten deshalb eng mit den nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden zusammen.

750 Patienten in wenigen Stunden


Kaum eine Katastrophe rund um den Globus gibt es, die ihre Wellen nicht bis nach Frankfurt schlägt. Und das manchmal sogar wortwörtlich. Noch gut kann sich Gaber etwa an den zweiten Weihnachtstag des Jahres 2004 erinnern: „Keine 24 Stunden, nachdem bei uns die ersten Meldungen über den verheerenden Tsunami rund um den Indischen Ozean eingetroffen waren, landeten hier die ersten Maschinen mit Opfern. Binnen weniger Stunden mussten am Flughafen 750 Menschen versorgt werden.“ Sieben Tage lang hat Gabers Team gemeinsam mit zahlreichen Notfallärzten aus der Region durchgearbeitet und unzählige Verletzte, die manchmal nur mit einer Badehose bekleidet aus dem Flieger stiegen, behandelt. Insgesamt 15.000 Menschen galt es damals zu betreuen – dass die Flughafenklinik sich mit detaillierten Plänen auf nahezu jedes Katastrophenszenario vorbereitet hat und darüber hinaus seit fast 15 Jahren über ein speziell geschultes, 60-köpfiges Kriseninterventionsteam verfügt, machte sich in jenen Tagen bezahlt.

Schnelle Weiterreise als Ziel


Doch auch der Klinikalltag am Flughafen hält Walter Gaber und seine Kollegen ständig auf Trab. Planbar ist hier gar nichts: Jeder Patient ist für die Mediziner neu – vom Schnupfen bis zur Reanimation müssen jederzeit alle auf alles eingestellt sein. „Wir brauchen deshalb Ärzte, die möglichst breitgefächert aufgestellt sind und viel Berufserfahrung besitzen“, sagt Gaber, der selbst nicht nur Arzt für Arbeits-, Umwelt- und Notfallmedizin ist, sondern auch eine Ausbildung zur Sicherheitsfachkraft absolviert hat und darüber hinaus über eine Trainerlizenz in Sachen Krisenintervention verfügt. Eine komplexe Themenvielfalt, Internationalität und unterschiedliche Kulturen – das ist es, was ihn an der Flughafenwelt reizt. Auch die Herausforderung, sich immer wieder auf Neues einzulassen, gehört dazu. Und natürlich geht es immer auch um Zeit. „Wer zu uns kommt, der hat meistens ein Problem, das ihn von seinem Weiterflug abhält. Und unser Job ist es, dem Passagier so zu helfen, dass er – wenn es irgendwie geht – bald weiterreisen kann. Wann immer uns das gelingt, hat sich unsere Arbeit einmal mehr gelohnt.“

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