Frankfurts Supernasen

Statt Sprengstoff erschnüffeln drei Spürhunde der 
Fraport-Hundestaffel seit einiger Zeit Bettwanzen

Frankfurt besitzt als einziger Flughafen in Europa Expertenstatus für Bettwanzenspürhunde, das Fraport-Tochterunternehmen FraSec ist autorisiert, Zertifikate für neue Teams an anderen Flughäfen zu erteilen. Alles begann damit, dass Fraport-Hundeführer Larry Hansen beim Fernsehen eine gute Idee hatte.

Mit bloßem Auge ist der Feind kaum zu erkennen, doch Cora forscht nicht nur mit den Augen, sondern vor allem mit der Nase. Aufgeregt schnüffelt die Altdeutsche Schäferhündin eine Sitzreihe im Flugzeug mehrfach ab, dann setzt sie sich hin und fixiert die hintere Ecke des Sitzstuhls am Fenster. Das ist das Signal für die Reinigungskräfte – der Sitzbezug wird entfernt. Sollte Cora anschließend bei einer zweiten Kontrolle erneut einen Fund markieren, müsste der komplette Sitz ausgebaut werden. So oder so – die Reise der Cimex lectularius, auch Bettwanze genannt, ist hier beendet. Zur Belohnung darf Cora mit ihrem Spielzeug herumtollen, nachdem Larry Hansen sie stolz getätschelt hat.

Bekämpfungsplan für Europa

Die zwei Jahre alte Hündin ist einer von drei Bettwanzen-Spürhunden der Fraport-Hundestaffel und gleichzeitig Teil des systematischen Bettwanzen-Bekämpfungsplans für Europa, den Fraport-Hundeführer Larry Hansen vor zwei Jahren ausgearbeitet und der „Bed Bug Foundation“ in Großbritannien vorgestellt hatte. Das Resultat: Hansen wurde zu einem Ausbildungs-Lehrgang nach Florida geschickt und kehrte mit Bestnoten wieder, seitdem besitzt Frankfurt als einziger Flughafen in Europa Expertenstatus für Bettwanzenspürhunde und das Fraport-Tochterunternehmen FraSec ist autorisiert, den Einsatz neu ausgebildeter Spürhunde an anderen Flughäfen zu zertifizieren.

Fast täglich im Einsatz

Was anfangs wie eine sehr spezielle Geschäftsidee klang, hat sich in der Praxis als gefragter Service etabliert. „Das Potenzial wurde schnell deutlich“, sagt Bernhard Pfaff, Leiter Betriebssicherheit beim Airport Security Management, „schließlich möchte keiner die kleinen Mitbringsel in der Kabine oder zu Hause haben.“ Mittlerweile sind Hansen und seine Kollegen Thomas Mauler und Marisa Manzano mit ihren Hunden fast täglich im Einsatz, um im Auftrag von Hotels und Fluggesellschaften den Innenraum der Zimmer und Flugzeuge zu untersuchen. Geplant ist außerdem, dass Passagiere in Zukunft ihre Koffer noch am Flughafen überprüfen lassen können, um bei Bedarf den Inhalt entsprechend zu reinigen (siehe Info-Kasten „Das hilft gegen Bettwanzen“) – aktuell fehlt für diesen Service bei drei Hunden schlicht die Zeit. Denn obwohl der Spieltrieb der Vierbeiner mitentscheidend für die hohe Erfolgsquote ist, bleibt es harte Arbeit. Nach rund 20 Minuten gönnt Hansen seiner Cora eine ebenso lange Pause, bevor es weitergeht.

Lästige „Tapetenflundern“

Ein Fernsehbericht über Luxushotels in New York, die sich mit den „Tapetenflundern“ (Bettwanzen bevorzugen dunkle, geschützte Verstecke, sie kriechen in Ecken, Ritzen, Verschalungen und auch unter Tapeten) herumärgerten, hatte Hansen auf die Idee gebracht. Verschiedene Ursachen begünstigen die Rückkehr der Bettwanze in unseren Alltag. So ist die Welt zum globalen Dorf geworden: Einst unerreichbar scheinende Traumziele liegen heute nur einige Flugstunden entfernt und sind zu moderaten Preisen erreichbar. Doch nicht nur die Menschen sind mobiler, auch der internationale Handel mit Möbeln, Gebrauchtwagen und vor allem Altkleiderpaketen unterstützt die Ausbreitung der Parasiten. Sie sind außerdem echte Überlebenskünstler und können je nach Raumtemperatur bis zu einem Jahr ohne Nahrung auskommen. Hinzu kommt, dass einige Bekämpfungsmittel von einst mittlerweile verboten sind, gegen andere Wirkstoffe haben die Tierchen eine Resistenz entwickelt.

Kein Signal für mangelnde Hygiene

Bettwanzenbisse bleiben zunächst oft unbemerkt, da die Tiere in der Regel nachts aktiv sind und mit dem Biss ein betäubendes Sekret absondern. Lässt dessen Wirkung nach, merken viele Menschen allenfalls ein leichtes Jucken, doch manche reagieren auch heftiger. An der Bissstelle zeigen sich dann rötliche Quaddeln, allergischen Reaktionen wie Asthmaanfälle oder Nesselsucht sind ebenfalls dokumentiert. Lästig, keine Frage, aber nach heutigem Forschungsstand übertragen die bis zu acht Millimeter großen Tiere keine Krankheiten. Sie sind auch kein Signal für mangelnde Hygiene, betont Hansen mehrfach.

„Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit“

Der 53 Jahre alte Amerikaner entschied sich nach dem Abzug der US Army gegen die Rückkehr in die USA und für eine Zukunft in der Heimat seiner Frau. 1991 fing er als Frachtmitarbeiter am Flughafen an, zwei Jahre später wechselte er in die Hundeführerstaffel. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat: „Nicht jeder hat das Glück, sein Hobby zum Beruf zu machen, und auch nach 25 Jahren gehe ich jeden Tag gern zur Arbeit. Wenn ich morgens oder abends die Lichter der Landebahn sehe, ist es immer noch ein tolles Gefühl sagen zu können: 
Das hier ist mein Arbeitsplatz. Hier treffe
ich die ganze Welt.“

Zucht im Marmeladenglas

Ein Teil seines Arbeitsplatzes ist ein schmuckloser Kellerraum in einem Gebäude nahe Terminal 2: Vorsichtig öffnet Hansen einen kleinen Wärmeschrank und nimmt ein scheinbar leeres Marmeladenglas heraus. Blickt man genauer hin, entdeckt man die rotbraunen Parasiten. In einem zweiten Glas befinden sich die Larven – eine Bettwanze kann bis zu 500 Eier ablegen – im dritten von insgesamt fünf Verpuppungsstadien. Hier züchtet Hansen, selbstverständlich 
mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen, das Material für Training und Ausbildung der Spürhunde wie den 16 Monate alten Jack, frisch ausgelernt im Team. Am Ende wird auch er eine einzige Wanze allein dank seines exzellenten Riechorgans ausfindig machen und eine weitere Frankfurter Supernase kann losschnüffeln.

Das hilft gegen Bettwanzen

Wer befürchtet, Wanzen im Reisegepäck zu haben, sollte zu Hause den Inhalt auf einem weißen Laken gründlich nach den Tieren absuchen. Fündig geworden? 
Jetzt helfen Hitze oder Kälte. Wäsche bei mindestens 60 Grad waschen, vorher einige Stunden in Seifenlauge einweichen. Edle Stoffe, die nicht in die Waschmaschine dürfen, wandern in Plastik verpackt für mindestens drei Tage ins Gefrierfach. Den Koffer oder Rucksack ebenfalls luftdicht in Plastik einpacken und einige Wochen warm lagern. 

Anschließend das Gepäckstück auf einer hellen Unterlage öffnen, abwarten, herauskrabbelnde Tiere einsammeln. Um eine Wohnung von den ungebetenen Gästen zu befreien, muss ein professioneller Schädlingsbekämpfer eingeschaltet werden.

 

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